Das Vorbeben in Japan

Peter Frech

Der heftige Mini-Crash am 5. August war vermutlich nur ein Vorbeben. Unter der lange ruhigen Oberfläche lauern weitere Gefahren für die Finanzmärkte. Die Spannungen, welche sich durch jahrzehntelange Nullzins-Politik aufgebaut haben, sind noch nicht gelöst. Trotz der Gefahr weiterer Börsenbeben sind robuste und antifragile Anlagen weiterhin erstaunlich günstig zu haben.

Glaubt man dem VIX, dem Angstbarometer des Optionenmarkts, so waren die drei schlimmsten Marktmomente der letzten 30 Jahre die Finanzkrise von 2008, der Covid-Crash von 2020 und die Erhöhung des Leitzinses in Japan um 0.25 Prozentpunkte. So zumindest fasst der Finanzkommentator Douglas Boneparth die auf den ersten Blick überraschend erscheinenden Erschütterungen an den Märkten vom 5. August zusammen.

Der Volatilitätsindex VIX erreichte im Tagesverlauf mit 65 Punkten tatsächlich den höchsten Stand seit März 2020 (siehe folgende Grafik). Der Nikkei-Index verzeichnete seinen grössten Tageseinbruch seit dem legendären Crash von 1987. Die Aktien- und Währungswechselkurse wurden gleichentags auch heftig durchgeschüttelt. Inzwischen haben sich die Märkte deutlich beruhigt, der VIX handelt wieder bei 16 Punkten und damit unter seinem langfristigen Durchschnittsniveau. Ist also alles wieder in bester Ordnung?

Der unmittelbare Auslöser des Bebens, die kleine Zinserhöhung in Japan, erscheint trivial. Doch bei komplexen Systemen wie den Finanzmärkten ist es oft der sprichwörtlich gewordene Flügelschlag eines Schmetterlings, welcher einen Sturm auslösen kann.

Der Hintergrund des Crashs waren grob geschätzte 1100 Milliarden Dollar an Yen-Carry-Trades: Privatanleger, Institutionelle und natürlich Hedge Funds hatten die jahrelang praktisch bei null liegenden Zinsen in Japan genutzt, um sich in Yen zu verschulden und damit lukrativere Anlagen in anderen Währungen zu kaufen: Aktien von US-Techfirmen und höher verzinste Anleihen in Dollar oder sogar mexikanischen Pesos zum Beispiel. Der Yen hatte schon die ganze Woche vor dem schicksalshaften Montag stärker tendiert, angetrieben durch die Zinserhöhung sowie schwache US-Arbeitsmarktdaten, welche eine baldige Zinssenkung im Dollar anzeigten. Viele Spekulanten bekamen einen Margin Call und mussten am Montag alle ihre Assets, welche sie mit geliehenen Yen gekauft hatten, auf den Markt werfen. Darum kam es ohne gravierende News zu dem Börsenbeben.

Volatilitaetsindex
Der Volatilitätsindex VIX misst den Preis für die Absicherung von Aktien am Optionsmarkt. Der Anstieg am 5. August gehörte zu den stärksten in der Geschichte des Risikobarometers. (Quelle: Bloomberg)

Wir sind alle kleine Carry-Trader

Falls der Yen die nächsten Wochen noch stärker wird, drohen weitere Liquidationsrunden an den globalen Märkten. Doch die Schockwellen aus Japan sind primär ein Warnbeben für ein tieferliegendes Problem:


Zu viele Anleger haben sich zu lange darauf verlassen, dass die Zinsen immer tief bleiben werden. Wer die letzten Jahre Aktien, Private Equity oder Immobilien zu teils noch nie erreichten Höchstbewertungen gekauft hat, setzte letztlich auch darauf. Denn höhere Zinsen drücken in der Tendenz die Bewertungen von Sachanlagen. Fast jeder Investor war letztlich ein kleiner Carry-Trader.

Hinzu kamen die zahlreichen Fehlinvestitionen, welche von Unternehmen wie Privathaushalten mit dem billigen Geld getätigt wurden. Das Ausmass dieser Malinvestments wird immer erst in einer Krise richtig offenbar. Und dann ist es natürlich vor allem das Leverage, die Spekulationen auf Kredit, welches die richtig grossen Börsenbeben auslösen kann. Gemäss dem Diktum des Ökonomen Hyman Minsky führt eine lange Periode der Stabilität an den Finanzmärkten zu mehr Instabilität in der Zukunft. In den ruhigen Phasen ist es einfach, Kredite aufzunehmen und Erfolg zu haben. Also macht man damit weiter und weiter, bis das System als Ganzes durch das steigende Leverage so instabil wird, dass es bereits leichte Erschütterungen zum Einsturz bringen können.

Wenn der Wunsch nach Zinssenkungen aufgeht

Die Optimisten hoffen auf eine Entspannung der Lage durch die erwartete erste Zinssenkung der US-Notenbank nächsten Monat. Gerne geht dabei vergessen, dass Zinssenkungen am Ende einer Boomphase selten gut für die Börse sind. Zwar wird die Finanzierung von Schulden einfacher. Doch die Zentralbanken senken die Zinsen in der Regel nur, wenn die Wirtschaft in ernsten Schwierigkeiten steckt. Gerade die jüngsten Zahlen vom US-Arbeitsmarkt, welche den Japan-Crash mitauslösten, sehen wie die typischen Vorboten einer Rezession aus.


Fallende Gewinne und steigende Kreditrisikoprämien drücken in einer Abschwungphase typischerweise stärker auf die Kurse als tiefere Zinsen Auftrieb verleihen. In den zwölf Monaten nach den ersten Zinssenkungen im Januar 2001 wie auch im September 2007 brachen die Aktienkurse jeweils zweistellig ein: Vorsicht ist also angebracht, wenn der Wunsch nach Zinssenkungen in Erfüllung geht!

Die Hauptprobleme aus unserer Bottom-Up-Sicht als Aktienselektoren sind das allgemein immer noch hohe Bewertungsniveau und die tiefen Bewertungsunterschiede (Valuation Spreads) zwischen meist zyklischen Value-Aktien und dem Gesamtmarkt. Keine Spur von Rezessionsangst ist in den Kursen zu erkennen. Entsprechend besteht noch viel Potenzial für negative Enttäuschungen.

Defensive Stabilität ist billig zu haben

Die Kehrseite der Furchtlosigkeit ist die immer noch tiefe Bewertung von traditionell rezessionsfesten Aktien aus stabilen Branchen wie Lebensmittel, Gesundheit und Stromversorgung. Gemäss den bis 1952 zurückreichenden Datenbanken von Empirical Research befindet sich die relative Bewertung der Konsumgüteraktien (Consumer Staples) derzeit im neunzigsten Perzentil-Rang. Das bedeutet, dass diese Aktien im Verhältnis zum Gesamtmarkt nur in 10 Prozent aller Fälle noch günstiger waren als heute.

Bei unserer Aktienselektion greifen wir deshalb vermehrt bei solchen stabilen und überraschend preisgünstigen Titeln zu. Der Anteil defensiver Qualitätsaktien im Portfolio des Quantex Global Value ist seit 12 Monaten am steigen während wir uns aus dem zyklischen Rohstoffsektor eher verabschieden (siehe Grafik unten).

Sektoraufteilung
Die Grafik zeigt den zeitlichen Verlauf der Sektoraufteilung der Aktien im Quantex Global Value Fund. Blau und lila markierte Branchen unten sind eher stabil und defensiv.

Konklusion

Auf den ersten Blick erscheint die Börsenlage bereits wieder ruhig und in normalen Bahnen. Doch die Rezessionsgefahr ist nicht gebannt und konkretisiert sich durch immer schlechtere Industrie- und Arbeitsmarktdaten. Vor allem aber sind die strukturellen Ungleichgewichte, die sich während der Nullzins-Dekade aufgebaut hatten, noch nicht gelöst. Die Gefahr weiterer heftiger Nachbeben an den Börsen bleibt deshalb hoch. Glücklicherweise sind defensive Aktien immer noch vergleichsweise günstig zu haben.

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